Besondere Bedarfe junger Geflüchteter in der Kinder- und Ju-gendhilfe zu wenig berücksichtigt
Kinderschutzbund und lifeline legen Workshopergebnisse vor
Im Rahmen des Projekts „Gemeinsam an Deck – Geflüchtet und schon da“ haben sich der Kinderschutzbund Landesverband Schleswig-Holstein e. V. und lifeline – Vormundschaftsverein im Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e. V. in zwei Workshops den Perspektiven junger geflüchteter Menschen auf ihr Ankommen in Deutschland und ihren Erfahrungen mit der Kinder- und Jugendhilfe angenähert. Die Ergebnisse stellen keine repräsentativen Befunde dar. Sie markieren vielmehr Hinweise auf strukturelle Spannungsfelder, die einer fachlichen Auseinandersetzung bedürfen.
Das Projekt des Vormundschaftsvereins lifeline „Gemeinsam an Deck – Geflüchtet und schon da“ richtet sich an unbegleitete minderjährige Geflüchtete (umGs) und junge Volljährige, die als unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Deutschland eingereist sind sowie an junge Menschen, die in Kiel aufgewachsen sind. Im Rahmen des Projekts haben die jungen Menschen einen Ort der Begegnung und des Lernens gestaltet. In diesem geschützten Raum können die jungen Menschen sich Kompetenzen aneignen und erproben, eigene Themen und Aktivitäten planen und sich so als selbstwirksam erfahren. Es werden Workshops und Diskussionen zu den Themen Kinderrechte, Menschenrechte, Rechte und Möglichkeiten in Schule, Beruf und Ausbildung, von Mädchen, Frauen und Menschen jeglicher Geschlechtsidentität sowie zur Aufklärung über politische Partizipation und Medienkompetenz oder anderen von den Jugendlichen gewünschten Themen durchgeführt. Ziel ist die Verbesserung der Teilhabe von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in der Gesellschaft. In diesem Rahmen fanden auch die Workshops statt, in denen gemeinsam mit dem Kinderschutzbund Schleswig-Holstein eine Annäherung an die Erfahrungen und Perspektiven junger geflüchteter Menschen mit der Kinder- und Jugendhilfe realisiert wurde.
Passgenaue Unterstützung?
„Unbegleitete minderjährige Geflüchtete treffen auf Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe, die primär für junge Menschen konzipiert wurden, die Gewalt und Vernachlässigung im Elternhaus erlebt haben", erklärt Sophia Schiebe, Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein. „Für diese Zielgruppe sind klare Strukturen und Regelwerke und die Vermittlung von Alltagskompetenzen zentrale Entwicklungsziele. Das ist fachlich auch genau richtig. Junge Geflüchtete bringen häufig aber eine andere Ausgangslage mit. Sie sind von ihren Eltern getrennt wegen Krieg oder Verfolgung. Häufig mussten sie auf der Flucht hochgradig autonom und selbstständig agieren. Ihre Bedarfe sind andere: Erleben von Sicherheit, Verarbeitung (traumatisierender) Fluchterfahrungen, Umgang mit Heimweh und der Trennung von der Familie oder Ankommen in Deutschland. Diese unterschiedlichen Grundbedürfnisse werden im Hilfesystem bislang zu wenig berücksichtigt, die Strukturen sind für ihre Lebensrealität nicht immer passgenau“, so Sophia Schiebe.
Regeln werden grundsätzlich als notwendig anerkannt, erscheinen den jungen Geflüchteten vielfach aber als schwer nachvollziehbar, wenig transparent oder nicht ausreichend erklärt. Während die Teilnehmenden der Workshops durchweg angaben, Vertrauenspersonen an ihrer Seite gehabt zu haben, fehlte es deutlich an Transparenz, Wissen über die eigenen Rechte und Orientierung. „Rechte und Entscheidungswege blieben für viele junge Geflüchtete intransparent. Die Teilnehmenden konnten kaum zwischen Jugendamt und -Einrichtung unterscheiden, geschweige denn deren spezifische Aufgaben benennen. Nur zwei Personen war klar, wer eigentlich Entscheidungen über ihr Leben trifft und wohin sie sich mit welchen Fragen wenden können“, so Sophia Schiebe.
Besonders problematisch sei die Praxis der frühzeitigen Hilfebeendigung: „Auch aus unserer ombudschaftlichen Beratung durch die ‚Vertrauenshilfe‘ wissen wir, dass Hilfen für junge Geflüchtete mit der Volljährigkeit häufig zügig und gegen ihren Willen beendet werden. Die Begründung liegt in ihrer vermeintlichen Selbstständigkeit – ohne dabei die besonderen Hürden des Spracherwerbs, der Integration und der emotionalen Belastungen angemessen zu berücksichtigen. Das ist fachlich nicht haltbar", kritisiert Sophia Schiebe.
„Häufig wenden sich junge Geflüchtete an uns, wenn sie frühzeitig aus der Jugendhilfe entlassen werden. Ihre besonderen Bedarfe werden oft nicht als genuin pädagogische Hilfebedarfe gesehen. Die Verarbeitung der Fluchterfahrungen und Trennung von der Familie, die Identitätsfindung im Spannungsfeld zwischen der Kultur der Herkunftsfamilie und der Kultur der Aufnahmegesellschaft, die unsichere Bleibeperspektive und vieles mehr sind bedeutsam für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und sollten in Hilfeplangesprächen und Angeboten der Jugendhilfe auch bei Übergang in die Volljährigkeit mehr einbezogen werden“, so Dorothee Paulsen, Projektleiterin bei lifeline.
Anpassung als Integrationsstrategie
Die Aussagen der teilnehmenden jungen Geflüchteten zeichnen ein klares Bild: ‚Lerne Deutsch jeden Tag in der Schule. Mache deine Hausaufgaben gut und halt die Regeln ein, dann wird alles besser‘ ist ein Rat, den die Teilnehmenden jungen Geflüchteten geben würden, die gerade nach Deutschland gekommen sind. Der empfundene Druck zur Anpassung zeigt sich auch in Hinblick auf Hilfegewährung. Aussagen wie ‚Muss ich sagen, kann kochen, kann sauber machen, kann mit Geld umgehen, aber kann ich nicht‘, fallen, wenn es in den Übergang in sozialpädagogisch betreutes Wohnen – also eine größere Selbstständigkeit – geht.
„Diese Zitate müssen uns aufhorchen lassen", so Sophia Schiebe. „Die jungen Menschen haben den Eindruck, dass sie vor allem funktionieren, die Sprache beherrschen und nicht auffallen dürfen. Gleichzeitig mangelt es grundlegend an dem, was Kinder- und Jugendhilfe eigentlich ausmachen sollte: echte Beteiligung und Mitsprache. Nur zwei von neun Teilnehmenden gaben an, dass ihre Meinung gehört wurde und von Bedeutung war. Niemand fühlte sich über die eigenen Rechte und Möglichkeiten ausreichend informiert“, so Sophia Schiebe.
Aus Sicht des Kinderschutzbundes und von lifeline unterstreichen diese Hinweise die zentrale Bedeutung von Beteiligung und Transparenz im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe.