19.06.2020 13:20

Nummer gegen Kummer

Zeugnistag: Viele Kinder, Jugendliche und Eltern sind verunsichert

KIEL In diesem Schuljahr erstmalig wird es nicht den einen Zeugnistag, den letzten Schultag vor den Sommerferien, geben, sondern im Laufe der letzten Schulwoche vor den Ferien geben die Schulen in Schleswig-Holstein nach unterschiedlichen Konzepten die Zeugnisse aus. „Hinter den Kindern, Jugendlichen und Eltern liegen Wochen der Unsicherheit und manchmal auch Angst. In manchen Familien ist es zu Konflikten gekommen, anderen gelang es, als Familie zusammenzurücken“, resümiert Matthias Hoffmann, Koordinator der Landesarbeitsgemeinschaft der Nummer gegen Kummer. Es gab erheblichen Redebedarf – weil oft passende Gesprächspartner*innen im eigenen Umfeld fehlten, suchten seit Beginn der Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie deutlich mehr Kinder und Jugendliche sowie Eltern Ansprache an den Beratungstelefonen der Nummer gegen Kummer, aber auch die Online-Beratung wurde verstärkt genutzt.

Seit Mitte März findet Schule – wie vieles andere auch – unter vorher ungekannten Bedingungen statt: zunächst lernten die Schüler*innen alleine zu Hause, nach den Osterferien konnten die einzelnen Klassenstufen nach und nach, teilweise für einzelne Schulstunden oder Tage, wieder in die Schule gehen. Schule ist seitdem viel digitaler geworden. „Viele Kinder leiden unter der ‚Kontaktlosigkeit‘ durch das Homeschooling. Ihnen fehlt der Austausch mit Freund*innen und Mitschüler*innen. Sie äußern teilweise Angst, den Anschluss zu verpassen und den Stoff nicht mehr aufholen zu können. Trotz alledem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass einige Kinder und Jugendliche auch beschreiben, dass sie es genießen, sich die Zeit frei einteilen zu können, keinen Druck zu haben und auch beispielsweise unangenehmen Mobbing-Erfahrungen zu entgehen“, berichtet Brigitte Bischoff, Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons in Trägerschaft der Gemeindediakonie in Lübeck.

Auch ohne die Herausforderung der Corona Pandemie, bedeutet die Zeugnisausgabe für viele Familien eine schwierige Zeit. Ein schlechtes Zeugnis geht oft mit Zukunftsängsten der Eltern für ihre eigenen Kinder, aber auch mit Enttäuschungen über die Leistung ihrer Kinder einher. Nicht selten führen diese Emotionen zu innerfamiliären Konflikten und überzogenen Reaktionen.

Dieses Jahr kommt im Schulbereich zu den jährlichen Zeugnis- und Versetzungsängsten noch die große Verunsicherung durch die Umstände der Pandemie hinzu. Eltern fragen sich, wie und auf welcher Grundlage die Zeugnisnoten festgelegt werden oder ob sich die Corona-Krise auf die Versetzung auswirkt. „Aber auch Ängste spielen eine Rolle, Eltern zeigen sich sorgenvoll, ob sie ihre Kinder ausreichend beim Homeschooling unterstützen konnten“, gibt Silke Hüttmann, Koordinatorin des Elterntelefons in Trägerschaft des Kinderschutzbundes Kreisverband Ostholstein, die geäußerten Sorgen wieder.

„Ein Gespräch mit Dritten kann übersteigerte Ängste abbauen oder Überreaktionen verhindern. Das Elterntelefon übernimmt hierbei eine wichtige Rolle. Eltern können anonym über ihre eigenen Ängste und Emotionen sprechen und bekommen für sich und ihre Kinder eine kompetente Beratung für ihre eigene individuelle Situation“, fasst Silke Hüttmann zusammen.

Das Elterntelefon ist montags bis freitags durchgehend von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags auch bis 19 Uhr, unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 111 0 550 zu erreichen. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der Telefonnummer 116 111 montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr und montags, mittwochs und donnerstags zusätzlich vormittags von 10 bis 12 Uhr für die jungen Menschen da.

Die Anzahl der Gespräche am Elterntelefon ist seit der Corona Pandemie um fast 55 Prozent gestiegen. Auch Kinder und Jugendliche nehmen die verschiedenen Angebote wahr, beispielsweise stiegen Online-Beratungen um über 20 Prozent. „Vor allem in den ersten Wochen des Lockdowns waren für Kinder und Jugendliche persönliche Kontakte außerhalb der Familie von einem Tag auf den anderen nahezu unmöglich. Die Angebote der Nummer gegen Kummer stellen oft eine erste Anlaufstelle dar. Verunsicherte Eltern nahmen das unkomplizierte Beratungsangebot viel zahlreicher in Anspruch“, stellt Matthias Hoffmann bei der Auswertung der jüngsten internen Statistik fest.



Zurück