01.11.2019 11:52

Nummer gegen Kummer

Mit der „Pausentaste“ pflegende Kinder und Jugendliche entlasten

KIEL In Deutschland leben ca. 480.000 Kinder und Jugendliche zwischen 10-19 Jahren[1], die einen chronisch kranken Angehörigen pflegen. Diese übernehmen eine Vielzahl von Aufgaben: Zum Beispiel unterstützen sie bei der Pflege, kümmern sich um den Haushalt oder versorgen Geschwister.

Die Übernahme von Pflegeverantwortung und die damit einhergehenden Besonderheiten für die Entwicklung von Heranwachsenden ist also kein Nischenthema. Dennoch gibt es für diese Kinder und Jugendlichen bisweilen wenige Unterstützungsmöglichkeiten. „Pflegende Kinder und Jugendliche nehmen wahr, dass ihre häusliche Situation ein Tabuthema ist. Und sie sind bis zur völligen Erschöpfung loyal. Deswegen überspielen betroffene Kinder und Jugendliche häufig ihre Überforderung, Ängste und Nöte. Gleichzeitig setzen sie ihre gesamte Energie daran, das Familiensystem aufrecht zu erhalten – ein belastender Kreislauf. Viele Eltern schämen sich für ihre Erkrankung und in der Folge auch dafür, dass sie ihre Kinder überfordern. Oft ist genau das der Grund, warum sie keine Hilfe annehmen bzw. Unterstützungsangebote selbstinitiativ aufsuchen“, erläutert Silke Hüttmann, Koordinatorin des Elterntelefons in Trägerschaft des DKSB-Kreisverband Ostholstein.

Im Umfeld pflegender Kinder und Jugendliche nehmen außenstehende Erwachsene, z. B. Lehrkräfte, die belastende Situation der Kinder wahr, wissen jedoch nicht, wie sie helfen könnten. „Was jedoch jede Bezugsperson machen kann, ist den Kindern und Jugendlichen die Pausentaste als erste Anlaufstelle zu nennen. Dieses Beratungsangebot für pflegende Kinder und Jugendliche schließt eine wichtige Lücke, denn hier finden sie eine niederschwellige Anlaufstelle. Im Gespräch mit unseren ehrenamtlichen Beraterinnen und Beratern erhalten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, ihre Lebenssituation zu reflektieren, Entlastung zu finden und Isolation aufzulösen. Bei Bedarf können sie auch Informationen zu weiteren Hilfsangeboten erhalten“, macht Brigitte Bischoff, Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons in Trägerschaft der Diakonie Lübeck, auf das bundesweite Angebot des Kinder- und Jugendtelefons aufmerksam. In den ersten 18 Monaten wurden bereits über 1.500 Beratungen mit Betroffenen bei der „Nummer gegen Kummer“ geführt.

Auf www.pausentaste.de finden Heranwachsende Erfahrungsberichte und Interviews mit jungen Pflegenden, Videos und Hinweisen auf Beratungsangebote. Das Angebot richtet sich an pflegende Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrkräfte, ambulante Pflegedienste, Sozialdienste an Schulen und Kliniken sowie Jugendorganisationen und die Öffentlichkeit sollen auf das Thema aufmerksam gemacht und für Fragen in diesem Zusammenhang sensibilisiert werden. So hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Familie und Jugend auch ein Netzwerk zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Pflegeverantwortung ins Leben gerufen.

 

1. November 2019

 

Hintergrund:

In Schleswig-Holstein sichern verschiedene Standorte das Beratungsangebot der Nummer gegen Kummer: Das Kinder- und Jugendtelefon hat Standorte in Bargteheide, Kiel und Lübeck, das Elterntelefon in Bad Oldesloe, Kiel und Neustadt/Holstein in der Trägerschaft der entsprechenden Ortsverbände des Deutschen Kinderschutzbundes bzw. in Lübeck durch die Gemeindediakonie. Der Landesverband des Kinderschutzbundes koordiniert die Landesarbeitsgemeinschaft der Telefone in Schleswig-Holstein. In Schleswig-Holstein finanziert sich dieses Angebot sich über Spenden und über die Förderung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren des Landes Schleswig-Holstein.



[1] Laut einer Studie der Uni Witten/Herdecke (2018) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums



Zurück