23.04.2020 09:01

Coronakrise

Mehr Kreativität und Flexibilität in der Kinderbetreuung erforderlich!

KIEL In Schleswig-Holstein werden die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schrittweise gelockert. Doch während Geschäfte bis 800 qm unter Auflagen wieder öffnen dürfen und die Abschlussjahrgänge der Schulen ihre Prüfungen ablegen, bleiben, abgesehen von einer Notbetreuung, Kitas und auch Spielplätze weiter geschlossen. „Bei allen notwendigen Vorsichtsmaßnahmen muss dennoch berücksichtigt werden, dass gerade junge Kinder einen starken Bewegungsdrang haben und nicht alle Familien über einen Garten verfügen“, gibt die Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein zu Bedenken und fügt hinzu: „Zudem fehlen den Kindern ihre Freunde und Spielkameraden wie auch spielerische Anregung und Förderung durch die ErzieherInnen. Eine weiter anhaltende Beschränkung auf den häuslichen Bereich ist für Kinder und Eltern ein ernstzunehmender Stresstest, der auf Dauer besonders bei ohnehin schon stark belasteten Familien zur Zerreißprobe werden kann. Schließlich sind neben wirtschaftlichen und psychosozialen Belastungen gerade Isolation und soziale Distanzierung Risikofaktoren für unterschiedlichste Formen von Gewalt. Auch deshalb sind jetzt, unter Berücksichtigung des notwendigen Gesundheitsschutzes, kreative und flexible Maßnahmen und Angebote für die Kinderbetreuung dringend notwendig“, fordert Irene Johns.

Der Kinderschutzbund Schleswig-Holstein wünsche sich in diesem Zusammenhang die reglementierte Öffnung der Spielplätze oder vergleichbarer Freizeitflächen, vorschlagsweise mit Besucherbeschränkungen und Hygienevorgaben wie sie in Geschäften angewandt werden. „Spielplätze und Freizeit- oder Sportflächen bieten kostenfreie und leicht erreichbare Bewegungsangebote und sind damit vor allem für Kinder aus finanziell schwächer aufgestellten Familien ein wichtiges Ausgleichsangebot. Vielleicht wäre das z. B. für die Spielplätze mit einem Patenmodell umsetzbar“, schlägt Johns vor.

Auch für Kindertagesstätten sollten aus Sicht des DKSB LV SH weiter kreative Lösungen gefunden werden, wie beispielsweise rotierende Kleingruppen, die gewährleisteten, dass jedes Kind unabhängig von der Notbetreuung mindestens einmal pro Woche seine Einrichtung besuchen könne. „Wir dürfen bei allen notwendigen Schutzmaßnahmen die elementaren Bedürfnisse von Kindern und ihren Familien nicht aus dem Blick verlieren“, mahnt die Landesvorsitzende. „Kinder pflegen schon im Alter von drei Jahren echte kleine Freundschaften – und das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Freundinnen und Freunde für mehrere Wochen nicht zu sehen, ist eine starke Belastung. Darüber hinaus sind das soziale Lernen und die frühe Förderung durch pädagogische Fachkräfte Grundlage für den späteren Bildungserfolg. Je länger diese aussetzen, desto bleibender sind die Folgen – zum Beispiel auch im Hinblick auf die Erlangung sprachlicher Kompetenzen für den Übergang in die Grundschule“, so Johns.

Anders als viele andere Bundesländer habe Schleswig-Holstein schon die Kinder von erwerbstätigen Alleinerziehenden in die Notbetreuung miteingebunden, aber darüber hinaus fordere der DKSB LV SH laut Johns im Interesse der Kinder und Eltern soweit für die Träger umsetzbar eine weitere schrittweise Öffnung der Kindertagesstätten unabhängig vom beruflichen Status – natürlich unter bestmöglicher Wahrung des notwendigen Gesundheitsschutzes für Kinder und Fachkräfte durch geeignete, mit den Eltern abgestimmte Maßnahmen.

„Es ist eine schwierige Zeit, die uns alle vor so nie dagewesene Herausforderungen stellt. Und genau wie in den Bereichen Wirtschaft, Tourismus oder Schule Experten in situationsbedingte Entscheidungsprozesse eingebunden werden, sollten verstärkt auch Fachkräfte aus dem Bereich der Erziehungswissenschaft und Psychologie zu Gehör kommen, um eine möglichst große Handlungssicherheit zu erhalten“, rät Irene Johns.

Zudem sollten die Statistiken zu den Infektionsraten von Kindern und deren tatsächliche Rolle bei der Ausbreitung des Virus detailliert altersbezogen ausgewertet und kontinuierlich in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Ebenso wie die Erfahrungen anderer Länder (u.a. unseres Nachbarlandes Dänemark) mit der schrittweisen Öffnung von Kitas, so Johns.

„Für eine derart unvergleichbare Situation gibt es noch lange keine Handlungssicherheit, aber viele Aspekte, die bei den verschiedenen politischen Entscheidungsprozessen Beachtung finden müssen – und die Belange von Kindern und ihren Eltern sollten dabei eine übergeordnete Rolle spielen“, sagt Irene Johns.



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