10.03.2010 10:00

„Kinder mit Behinderung sind in erster Linie Kinder, nicht Behinderte“

„Kinder mit Behinderung sind in erster Linie Kinder, nicht Behinderte“

Fachleute fordern: Eine Jugendhilfe für alle – Gesetze und Systeme vereinheitlichen

Bessere Chancen für Kinder mit Behinderungen, schnellere Hilfe für ihre Eltern und weniger Bürokratie in Einrichtungen – diese Ziele standen am Ende einer Tagung, zu der rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein zusammenkamen. Eingeladen hatten das Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit, der Kinder- und Jugendhilfe- Verbund, der PARITÄTISCHE Schleswig-Holstein und der Deutsche Kinderschutzbund Landesverband Schleswig-Holstein. Thema war der aktuelle Kinder- und Jugendbericht der Bundesre-gierung und seine Umsetzung auf Landesebene. Der Bericht kritisiert, dass in der Praxis auf Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oft unterschiedliche, sogar widersprüchliche Gesetze angewendet werden. Verschiedene Hilfesyste-me konkurrieren, statt einander zu ergänzen. Dieses müsse sich ändern, so das Fazit der Tagung.
Für die betroffenen Familien bringe die jetzige Situation zusätzliche Probleme, so Nahmen Roeloffs vom Kinder- und Jugendhilfeverbund, der die Gäste im Hohen Arsenal in Rendsburg begrüßte. „Allein herauszufinden, welche Stelle wofür zuständig ist, kostet Zeit und Nerven.“ In der Praxis kommt es häufig zur Ausgrenzung behinderter Kinder, weil die Ressourcen fehlen. So müssen derzeit immer mehr Kindertagesstätten Leistungen der Frühförderung erbringen, ohne ausreichend heilpädagogische Fachkräfte zur Verfügung zu haben. Dies kann dazu führen, dass Einrichtungen keine Kinder mit Frühförderbedarf aufnehmen. Die Unübersichtlichkeit der sozialgesetzlichen Grundlagen führt auch im späteren Lebensverlauf in Schule oder Ausbildung zu Problemen.
Staatssekretärin Dr. Bettina Bonde betonte in diesem Zusammenhang, dass das Land Schleswig-Holstein im Moment dabei sei, eine umfassende Bestandsauf-nahme der Frühförderung in Schleswig-Holstein vorzubereiten. Hier ginge es auch darum, Kooperations- und Synergiepotenziale mit den angrenzenden Sys-temen zu identifizieren. Ziel muss sein, Familien mit behinderten Kindern durch ein regional abgestimmtes Zusammenwirken aller Akteure und Systeme frühzei-tig und wirksam zu unterstützen. Diese stärkere präventive Ausrichtung der Leistungen ist nicht nur ein Beitrag zur Chancengleichheit; sie vermeidet auch lebenslange begleitende Hilfen.
„Wir brauchen einen Perspektivenwechsel“, sagt Krystyna Michalski, Jugendhilfe-referentin im PARITÄTISCHEN. „Kinder mit Behinderung sind in erster Linie Kin-der, nicht Behinderte. Sie wollen spielen, lernen, einen Ausbildungsplatz finden, genau wie alle anderen.“
Das Ziel müsse daher „eine Kinder- und Jugendhilfe für alle jungen Menschen sein“, so Professor Dr. Dr. h. c. Reinhard Wiesner vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das den Bericht in Auftrag gegeben hat. Das bedeutet, die heute getrennten Gesetze und Systeme zu vereinheitlichen. Professor Dr. Heiner Keupp, Vorsitzender der Kommission des 13. Kinder- und Jugendberichts, nannte als Hauptbotschaft des Berichts die Förderung der In-klusion, also Gleichbehandlung aller Kinder und Jugendlicher.
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion sagte Irene Johns, Landesvorsitzen-de des Kinderschutzbundes „Wenn wir Kinder besser schützen und stärken so-wie ihnen bessere Chancen für ein gesundes Aufwachsen bieten wollen, dann müssen wir zwingend ein flächendeckendes Angebot von Frühen Hilfen und Früher Förderung auf- und ausbauen. Hierfür müssen Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Behindertenhilfe verstärkt kooperieren.“

Waldemar Kunkat, Leiter des Referats Grundsatzangelegenheiten Politik für Menschen mit Behinderung und Sozialpolitik schloss sich dem an. Er hielt die aktuell diskutierte Zusammenführung der Leistungen für alle Kinder in einem einheitlichen Leistungssystem für notwendig. Unabhängig vom Ergebnis dieser bundesweiten Diskussion appellierte er an Kommunen, Krankenkassen und Verbände im Land, durch regionale Kooperation den Zugang zu Leistungen für Kinder mit Behinderung und ihre Familien zu erleichtern. In diesem Zusammen-hang begrüßte er die Bereitschaft aller Akteure, an der Untersuchung der Situa-tion der Frühförderung in Schleswig-Holstein aktiv mitzuwirken.
Dr. Silke Duda, Leiterin des Landesjugendamtes wies darauf hin, dass Jugend, Gesundheits- und Bildungsressort gleichermaßen aufgefordert sind, sich über weitergehende Strategien zur Gewährleistung eines gesunden Aufwachsens aller Kinder- und Jugendlichen abzustimmen. Hierzu sei es zunächst vorder-dringlichste Aufgabe, Kooperationsbarrieren abzubauen und Plattformen für die inhaltliche Zusammenarbeit im Interesse der Gesundheit unserer Kinder- und Jugendlichen zu etablieren.



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