09.09.2014 14:37

Inklusion

Kinderschutzbund fordert klare Qualitätsstandards für Inklusionsmaßnahmen

KIEL In Hinblick auf die Diskussion des Inklusionsberichts des Bildungsministeriums in der kommenden Landtagssitzung mahnt der Deutsche Kinderschutzbund Schleswig-Holstein, das Wohl aller Kinder und ihr Recht auf bestmögliche Bildung und Teilhabe als übergeordnetes Handlungsmotiv nicht aus den Augen zu verlieren. „Vor allem Qualität, aber auch Quantität sind die Grundlagen für das Gelingen der Inklusion“, betont die Landesvorsitzende Irene Johns. „Ohne umfassend ausgebildete Lehrkräfte in ausreichender Zahl können inklusive Maßnahmen sogar zur Ausgrenzung führen, wenn z.B. Lerninhalte nicht gleichermaßen weitergegeben werden und nicht alle Kinder der Klasse folgen können“, befürchtet Johns.

 

Der Inklusionsbericht zeige vielversprechende Ansätze und Ideen, die jetzt allerdings zielführend diskutiert, konzeptionell weiter entwickelt und als klar strukturierte Maßnahmen umgesetzt werden müssen. Dabei dürfe die angestrebte Qualitätsoffensive nicht von vornherein durch finanzpolitische Sparzwänge ausgebremst werden, so die Landesvorsitzende. „Die Heterogenität der inklusiven Schule verlangt zwingend eine große Anzahl gut ausgebildetes Fachpersonal. Die Anpassung der Lehrkräfteausbildung bzgl. sonderpädagogischer Inhalte ist dabei ein Fortschritt für die Regelschullehrer. Allerdings darf die im Gegenzug erweiterte Ausbildung der Sonderpädagogen für den Fachunterricht nicht auf Kosten des Umfangs und der Tiefe spezifischer sonderpädagogischer Inhalte gehen. Der Verlust sonderpädagogischer Fachkompetenz würde zwangsläufig zu einem Qualitätsverlust des inklusiven Unterrichts führen“, warnt Johns.

Auch für die Schulassistenz und Schulsozialarbeit müsse es genau wie für Schulbegleiter klare und angemessene Aufgaben- und Profilbeschreibungen geben, um eine wirkungsvolle und qualitätsorientierte Zusammenarbeit mit den Lehrkräften zu gewährleisten.

 

Behinderung entsteht laut Weltgesundheitsorganisation und dem neuen Teilhabebericht der Bundesregierung vom 13. August 2013 durch Benachteiligung. Ein Kind mit Beeinträchtigungen wie z.B. körperliche Schädigung, Blindheit, Gehörlosigkeit, oder Lernschwierigkeiten wird vor allem durch eine Umwelt behindert, die nicht auf seine Bedürfnisse eingestellt ist.

„In der Konsequenz muss das inklusive Bildungssystem also so gestaltet sein, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben, sich dort nach ihren individuellen Möglichkeiten zu entwickeln“, erläutert Irene Johns.

Das bedeute aber nicht, dass in einer inklusiven Schule alle Kinder zwangsläufig in einer Klasse unterrichtet werden müssen. Es sollte immer Möglichkeiten der Separierung und Kleingruppenförderung geben, so Johns. Dafür müssten nicht nur die räumlichen Gegebenheiten angepasst werden, sondern vor allem Fachkräfte bereitstehen.

„Dementsprechend muss das inklusive Bildungssystem von vornerein aufgebaut werden. Wenn an der Qualität oder an finanziellen und personellen Ressourcen gespart wird – geht das immer zu Lasten der Kinder“, gibt die Landesvorsitzende zu bedenken. „Wir stehen vor einer immens wichtigen Aufgabe – der Entwicklung einer neuen gemeinsamen Bildungskultur. Inklusion beginnt im Kopf, aber die Akzeptanz des Andersseins als moralisches Prinzip ist nicht die einzige Voraussetzung. Was schon in Krippen und Kitas beginnen sollte, muss in der Grundschule fortgeführt werden: In einer barrierefreien Umgebung unterrichten interdisziplinäre, multiprofessionelle Pädagogen-Teams mit entsprechenden Unterstützungssystemen alle Kinder gemeinsam, mit Rücksicht auf ihre individuellen Bedürfnisse. Weiterführend muss ein differenziertes Angebot bestehen, dass sich am individuellen Grad der Beeinträchtigung orientiert, ohne dabei zu stigmatisieren oder zu diskriminieren.

„Das ist unser Ziel und daran sollte bei der Weiterentwicklung des Inklusionskonzeptes gearbeitet werden“, betont Johns. „Inklusion braucht nicht nur Zeit, sie benötigt vor allem auch materielle, finanzielle und personelle Ressourcen, wenn sie nicht zum reinen Sparmodell verkommen will. Eine halbherzige Umsetzung und unreflektiert entwickelte Strukturen schaden dem Inklusionsgedanken und können sogar die Ausgrenzung der betroffenen Kinder innerhalb der Schule fördern“, warnt die Landesvorsitzende.

Der Weg sei noch weit, doch das Ziel lohne sich: „Unter den richtigen Voraussetzungen erfahren Kinder an inklusiven Schulen nachweislich einen Zuwachs an emotionaler, kognitiver und sozialer Kompetenz. Inklusion heißt, von der Vielfalt zu profitieren – dabei können alle nur gewinnen“, schließt Irene Johns.



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