13.05.2016 10:40

Heimeinrichtungen in SH

Zurück zum Kindeswohl - Kinderschutzbund fordert ein Ende von Schaudebatten

KIEL In der aktuellen Debatte um Missstände in schleswig-holsteinischen Heimeinrichtungen für Kinder und Jugendliche ruft der Deutsche Kinderschutzbund Landesverband Schleswig-Holstein zu mehr zielführender Zusammenarbeit auf. „Politische Schaukämpfe bringen uns nicht weiter - Es sollte hierbei nur um eins gehen: Die Kinder und Jugendlichen und ihr unumstößliches Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen“, mahnt die Vorsitzende Irene Johns. Die Vorfälle in Heimeinrichtungen seien bestürzend, deshalb sollte allen daran gelegen sein, so schnell wie möglich, aber auch so nachhaltig wie möglich tätig zu werden, um Derartiges in Zukunft zu verhindern, führt Johns weiter aus. „Das erfordert den konstruktiven und kontinuierlichen Dialog aller Partner. Ausufernde Schaudebatten verlagern das Problem zu sehr auf die politische Bühne – Über die Suche nach Schuldigen darf die Findung langfristig effektiver struktureller Lösungen nicht vernachlässigt werden“, so die Landesvorsitzende.

Unser gemeinsames Ziel und unsere gesellschaftliche Pflicht sei es schließlich, den Schutz und die Rechte von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen zu stärken, betont Irene Johns. „Einige konstruktive Schritte ist Schleswig-Holstein schon gegangen, jetzt müssen weitere folgen. Dazu brauchen wir einen anhaltenden und zielorientierten Dialog zwischen allen Beteiligten, wie ihn der durch den Sozialausschuss mit Beauftragung des Landtages initiierte `Runde Tisch Heimerziehung´ aktuell schon führt“, so Johns.

Bei Heimen handle es sich um differenzierte Erziehungshilfeeinrichtungen mit hohen multiprofessionellen Anforderungen. Hier leben Kinder und Jugendliche, die in sehr schwierigen, belastenden Lebensverhältnissen aufgewachsen seien, oft geprägt durch körperliche oder sexuelle Gewalt oder Vernachlässigung. Einige dieser jungen Menschen kompensieren diese Belastungen durch auffälliges Verhalten und seien schwierig geworden - für sich selbst und ihre Umwelt, erklärt die DKSB-SH-Vorsitzende. „Sie zu unterstützen, damit sie aus dem negativen Kreislauf herauskommen und sich positiv entwickeln, sowie sich aktiv an der Gestaltung ihrer Lebensumwelt beteiligen können, stellt besondere Herausforderungen an die Heimerziehung. Um Schutz und Hilfe für Kinder und Jugendliche in diesen Einrichtungen zu verbessern, müssen wir das Ganze unbedingt in seiner Komplexität sehen – dabei hat jeder seine Aufgabe: Heimträger, belegendes örtliches Jugendamt und die Heimaufsicht. Darüber hinaus sind aber auch Schule und soziales Umfeld sowie die Politik, die für die Rahmenbedingungen sorgen muss, gefordert. Und sie alle sollten in ständigem Dialog sein“, sagt Johns.

 

Ein deutlicher Schwerpunkt müsse auf der qualifizierten pädagogischen Arbeit und Handlungskompetenz der Einrichtungen liegen, die laut Irene Johns allerdings weit mehr als eine rein formale Qualifikation voraussetze. „Es geht um die Pflege der Erziehungskultur in einer Einrichtung – um respekt- und vertrauensvolle Beziehungen zwischen jungen Menschen und Erwachsenen, d.h. die Haltung, mit der Kindern und Jugendlichen begegnet wird. Angesichts der Komplexität und Schwierigkeit der besonderen Erziehungsaufgabe müssen Heimeinrichtungen daher ihren Mitarbeitern zwingend Supervision zur Seite stellen und die Möglichkeit zur regelmäßigen Fortbildung einräumen“, fordert Johns. Zusätzlich müsse immer im Blick behalten werden, ob zu besonderen Herausforderungen im Heimerziehungsalltag eine angemessene Anzahl an Fachkräften zur Verfügung stehe, fügt die Landesvorsitzende hinzu.

Über die verbesserte Qualifizierung der pädagogischen Einrichtungen hinaus, sei eine Stärkung der Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten der Heimaufsicht nötig, führt Irene Johns weiter aus. „Da sind wir in Schleswig- Holstein und im Bund auf dem richtigen Weg. Das Bundesgesetz soll nicht nur die Beschwerdemöglichkeiten für Kinder und Jugendliche verbessern, sondern z.B. auch unangekündigte Besuche in Einrichtungen ermöglichen. Das Personal der Heimaufsicht ist in Schleswig-Holstein bereits aufgestockt und damit die Möglichkeiten der Kontrolle verbessert worden“, begrüßt Johns die bisherigen Maßnahmen. „Aber man muss auch die Grenzen einer Heimaufsicht sehen. In der Regel erfolgt eine Reaktion erst, wenn Probleme bereits entstanden sind. Als weitere Instanz sollten dringend auch die entsendenden örtlichen Jugendämter einen engen Kontakt zum Kind halten“, schlägt Johns vor. Dieses läge zurzeit allerdings in 60 Prozent der Fälle außerhalb Schleswig-Holsteins. "Der Kontakt zum entsendenden Jugendamt muss aber so eng sein, dass das Kind eine realistische Möglichkeit hat, mit seinen Schwierigkeiten in einem Heim gesehen zu werden." Auch dafür sei eine engere Zusammenarbeit von Einrichtungen, zuständigen Jugendämtern und Heimaufsicht erforderlich, so Johns weiter.

 

Es sei eine Illusion zu glauben, dass man Schutz und Hilfe für junge Menschen in Einrichtungen nur allein dadurch verbessern könne, indem man die Heimaufsicht stärke. Diese einseitige Debatte suggeriere, dass es sich nur um ein rein (ordnungs-)rechtliches Problem handele, gibt die Landesvorsitzende zu Bedenken. „Dadurch wird der Druck groß, möglichst viel formal zu regeln. Das hat dementsprechend in dem Entwurf für die neue Heimrichtlinie für Schleswig-Holstein leider auch einige unverständliche Regelungen zur Folge. So soll z.B. zukünftig bei familienähnlichen Wohnformen die Zahl der Plätze für Kinder einschließlich der eigenen Kinder auf fünf Plätze begrenzt werden. Das bedeutet, sollte das Erzieherpaar ein (weiteres) Kind bekommen, müsste eines der untergebrachten Kinder gehen. Welch ein Signal ist das für ein belastetes Kind, das bereits etliche Beziehungsabbrüche hinter sich hat“, fragt Irene Johns.

 

Ein Problem der Heimaufsicht sei, dass bisher vornehmlich auf Einzelereignisse reagiert werden könne. „Im Fall der von Einschüchterung, Zwang und Unterwerfung geprägten Betreuungspraxis des Friesenhofes bedeutete das zum Beispiel, dass durch die Heimaufsicht zwar schlimmste Auswüchse begrenzt wurden, aber die Betreuungspraxis, die durch eine bestimmte Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen geprägt war, bestehen blieb. Heimaufsicht muss die Gesamtentwicklung im Blick haben und reagieren können. Dafür muss die Zusammenarbeit aller Institutionen verbessert werden - zum Schutz der Kinder. Es ist nicht weiterführend sich den schwarzen Peter hin und her zu schieben, es muss strukturelle Veränderungen geben“ fordert Irene Johns.

 

Der Kinderschutzbund engagiert sich seit Jahren dafür, den Schutz von Kindern zu stärken. Dabei geht es um die Kinderrechte und damit um die Würde des Kindes, sein Recht auf Schutz, aber auch auf Beteiligung. Darüber hinaus setzt sich der Verband für die Qualifikation, Beratung und Unterstützung von Eltern und Fachkräften, sowie für gute Rahmenbedingungen für die Erziehung und das Leben mit Kindern in der Familie und auch in der Heimerziehung ein.



Zurück