30.04.2010 11:00

Eine „Watsche“ ist out – 10 Jahre Recht auf gewaltfreie Erziehung

Eine „Watsche“ ist out – 10 Jahre Recht auf gewaltfreie Erziehung
Es bedarf keines Bischoff Mixa, um festzustellen, dass sich die Einstellung der Deutschen zur Gewalt in der Erziehung in den letzten dreißig Jahren grundle-gend verändert hat: „Watsche“, „Backpfeife“, „Klaps auf den Po“ oder „Ohren langziehen“, wie körperliche Züchtigungen lange verharmlosend genannt wurden, sind unter Eltern, Lehrern oder Erziehern heute nicht mehr angesagt. Mehr noch: Seit zehn Jahren sind alle Formen der Gewalt in der Erziehung gesetzlich verboten. Seit November 2000 ist die gewaltfreie Erziehung in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Im Paragraph 1631, Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) heißt es: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Mit dem „Tag der Gewaltfreien Erziehung“ macht der Deutsche Kinderschutzbund alljährlich am 30. April bundesweit auf dieses Recht aufmerksam, in diesem Jahr zum siebten Mal.
„Gewalt in der Erziehung ist in unserer Gesellschaft heute weitgehend geächtet“, erklärt Irene Johns, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein. Allerdings sind viele Eltern verunsichert, wie sie erziehen sollen. Des-halb oder aus dem Anspruch der falsch verstandenen Partnerschaftlichkeit heraus verhalten sie sich in der Erziehung bei Konflikten oft nachgiebig bis resig-nativ. Sie lassen die Dinge „laufen“, und zwar so lange, bis sich so viel Wut und Ohnmacht bei ihnen aufgestaut haben, dass es gewissermaßen unkontrolliert aus ihnen heraus bricht. Die Kinder werden beschimpft, gedemütigt oder körperlich bestraft. Meist sind diese Eltern im Nachhinein erschrocken über sich selbst und ihr eigenes Verhalten. Sie fühlen sich schuldig. Aus diesem Schuld-gefühl heraus sind sie dann besonders nachgiebig gegenüber ihren Kindern und lassen wieder vieles durchgehen, bis sie dann wieder „ausrasten“ und alles von vorn beginnt. „Diese Mischung aus Nachgiebigkeit und strafendem Elternverhalten sind einer der wesentlichen Teufelskreise, in die heute viele der Eltern geraten, die eigentlich körperliche Bestrafung und seelische Verletzung als Er-ziehungsmittel ablehnen“, erklärt Johns. Die Kinder lernten dabei, dass man lange machen kann, was man will, sich nicht an Absprachen halten muss und dass im Ernstfall Konflikte mit Gewalt gelöst werden. Eine Studie aus dem Jahr 2000 habe sogar gezeigt, dass die aggressivste Gruppe von Kindern diejenige war, deren Mütter im Wechsel nachgiebig und strafend waren, die friedlichsten Kinder dagegen waren diejenigen, deren Mütter keine körperlichen Strafen gegen das Kind einsetzten, ihnen aber sehr wohl klare Grenzen setzten. „Natürlich gibt es keine Patentrezepte für jede Erziehungssituation“, weiß Johns. Hier set-zen die Elternkurse „Starke Eltern – Starke Kinder®“ des Deutschen Kinderschutzbundes an, die Eltern eine Orientierung in Erziehungsfragen geben.
„Wenn wir heute auf zehn Jahre Recht auf gewaltfreie Erziehung zurückblicken, können wir sehr zufrieden sein: Denn der Wert der Gewaltfreiheit ist in der Ge-sellschaft mittlerweile tief verankert“, resümiert Johns. Allerdings, so Johns wei-ter, sollten wir uns mit der Erreichten nicht zufrieden geben. „Wir müssen die Rahmenbedingungen für Kinder und ihre Eltern weiter verbessern. Wir müssen den Eltern von Anfang an in der Erziehung Hilfe und Orientierung bieten. Nur so können wir der Gewalt vorbeugen und die Kinder schützen.“



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