06.07.2017 08:18

Ein Jahr TiK-SH

Sicher sein – das Richtige tun

KIEL. Abgeordnete des Schleswig-Holsteinischen Landtags, Mitglieder des Landesjugendhilfeausschusses, Akteure aus den Wohlfahrtsverbänden und Fachleute aus den schleswig-holsteinischen Jugendämtern informierten sich heute (6. Juli 2017) im Rahmen eines Fachtages im Kieler Landtag über das Projekt „Traumapädagogik in Kindertagesstätten und Familienzentren“ (TiK-SH). Der Fachtag vermittelte einen Eindruck über ein Jahr TiK-SH. Das Projekt ist in seiner Struktur einmalig in Deutschland und hat wegweisenden Charakter für nachhaltige Qualifizierung von Fachkräften.

 

Sozialminister Dr. Heiner Garg betonte bei seiner Eröffnung des Fachtags: „‚TiK-SH‘ entspricht einem sehr drängenden Bedarf: Schon lange sind Kindertagesstätten mit dem Thema Trauma konfrontiert.“ Die Bandbreite der potentiell traumatisierenden Ereignisse sei groß. Das könnten familiäre Alltagsbelastungen sowie langanhaltende Stresserfahrungen sein, etwa durch eine Trennung der Eltern oder die chronische Erkrankung eines Elternteils. Das könnten aber auch Demütigungen oder Vernachlässigungen sein oder gar körperliche wie auch sexuelle Gewalterfahrungen.

 

„Was diese Kinder brauchen, das sind ein sicherer Ort und stabile, soziale Beziehungen: einen Ort, der geeignet ist für traumapädagogische Arbeit mit den Kindern. Sie brauchen Betreuung, die geleitet ist von fachlichem Verstehen und einem emotional angemessen Umgang mit den Kindern“, so Garg weiter.

TiK-SH mit den drei Säulen Fortbildung, Beratung und Supervision sorge landesweit für gleiche fachliche Standards in einer traumapädagogischen Arbeit in Kindertagesstätten und Familienzentren.

 

Das vom Sozialministerium finanzierte Projekt „Traumapädagogik in Kindertagesstätten und Familienzentren (TiK-SH)“ besteht seit einem Jahr und wird von drei Trägern in Schleswig-Holstein gestaltet. Es unterstützt pädagogische Fachkräfte in Kitas mit Beratungen, Supervisionen und Fortbildungen in bedarfsgerechtem Umfang. Alle Angebote können als Inhouse-Angebote vereinbart werden; dies schont die zeitlichen Ressourcen der Fachkräfte und bietet überdies die Möglichkeit der Qualifizierung ganzer Teams. Dafür haben die drei jeweils regional tätigen Träger, Deutscher Kinderschutzbund, Landesverband Schleswig-Holstein e. V., Institut für berufliche Aus- und Fortbildung gGmbH (IBAF), und Wendepunkt e. V., zahlreiche Standorte im Land aufgebaut.

 

Bislang nutzten über 2000 Fachkräfte die TiK-Angebote. Neben dem Interesse an den Fortbildungen gibt es eine zunehmende Nachfrage nach Beratungen und Supervisionen. Jeden Tag treffen pädagogische Fachkräfte bei ihrer Arbeit auf Kinder, die durch körperliche oder sexuelle Gewalterfahrungen, Demütigungen, Vernachlässigung, den plötzlichen Verlust einer Bindungsperson oder auch das Miterleben von Krieg und Flucht tiefe seelische Verletzungen erhalten haben. Betroffene Kinder brauchen Bezugspersonen, die ihre Verhaltensweisen als Traumareaktion verstehen. Und diese Bezugspersonen müssen wissen, dass besondere Verhaltensweisen häufig zu einer Überlebensstrategie gehören, die Kindern dabei helfen soll, ihren Alltag in der Gemeinschaft zu bewältigen.

„Wir sehen uns mit TiK-SH bestätigt, denn dieses Angebot wird gebraucht – und es wird von den Fachleuten nachgefragt. Die Rückmeldungen der Teilnehmer sind eindeutig. Das erworbene traumapädagogische Wissen erleichtert den pädagogischen Alltag mit den betroffenen Kindern spürbar“, sind sich die Projektträger einig.

 

Die Traumapädagogik hat sich ergänzend zur Traumatherapie etabliert und bietet Fachkräften ein spezifiziertes Verständnis. Alle Kinder in Kindertageseinrichtungen und Familienzentren profitieren davon, wenn (hoch)belastete oder traumatisierte Kinder aus ihrer Gruppe verständige und feinfühlige Ansprache und Unterstützung erfahren. Damit die Fachkräfte in den Einrichtungen diesem Anspruch gerecht werden können, brauchen sie die in TiK-SH kombinierten Angebote Beratung, Supervision und Fortbildung.

 

Die rund dreistündige Fachveranstaltung bot eine eindrucksvolle Kombination aus Fachvortrag und Schauspiel. Dr. med. Andreas Krüger, ärztlicher Leiter des Instituts für Psychotraumatologie des Kindes- und Jugendalters in Hamburg, erläuterte mit seinem Fachvortrag den Gewinn von angewandter Traumapädagogik und stellte dar, warum gerade der frühe Einsatz von Traumapädagogik so wichtig ist. Die drei TiK-SH-Träger informierten über die Projektstruktur und ihre Angebote. Ein szenisches Spiel von jugendlichen Schauspielschülern zeigte den inneren Prozess einer Person, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.


Ein Jahr TiK-SH im Kieler Landeshaus (v.l.n.r.): Heiko Naß (Interimsgeschäftsführer IBAF), Susanne Günther (Landesgeschäftsführerin DKSB SH), Dr. Heiner Garg (Sozialminister SH), Ingrid Kohlschmitt (Geschäftsführerin Wendepunkt)

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